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Arme habt ihr allezeit
Lebensweg

Ausweglos lebendig begraben

Wer bin ich? Mein Leben im kurzen Rückblick.

Ich wurde im Juli 1964 in Mannheim geboren.

Aufgewachsen im Mannheimer Stadtteil Schönau. Vom fünften bis zum siebzehnten Lebensjahr verbrachte ich einige Jahre in Kinder- und Jugendheimen. Zwischen den Heimaufenthalten lebte ich bei den leiblichen Eltern oder den Pflegeeltern.

Eltern und Pflegeltern.

Mein leiblicher Vater war Alkoholiker und Medikamentenabhängig. Meine leibliche Mutter war auffällig psychisch krank. Mein Pflegevater erkrankte später und wurde zum Pflegefall. Meine Pflegemutter war mit der Erziehung überfordert. Meinen Pflegeeltern habe ich viel Gutes zu verdanken. Meinen leiblichen Eltern leider eher weniger. 

Geschwister und Verwandschaft.

Geschwister habe ich wissentlich sechs. Zwei Halbbrüder und vier Halbschwestern. Alle Geschwister sind aus den vorangegangen Beziehungen meiner leiblichen Eltern. Unehelig geboren und zum Teil selbst in Kinder- und Jugendheimen aufgewachsen. Sie leben heute verstreut in Deutschland und Österreich. Ein Kontakt besteht nicht. Weitere Verwandschaft habe ich, kenne sie aber noch weniger! Vielleicht auch gut so.

Die verlorene Kindheit- und Jugendzeit.

Inmitten einer kranken und kaputten Umgebung wuchs ich auf. Ein verwirrter Knabe ohne Erziehung. Mit 13 hatte ich meinen ersten Alkoholrausch (Delirium Tremenz) und landete zur Ausnüchterung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wiesloch bei Heidelberg. Mit 18 war ich in den Kinder- und Jugendpsychiatrien in Wiesloch und im Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit fast schon ein Stammgast. Dazwischen war mit mir ausser Saufen, Huren, Prügeln und Zeche machen nichts anzufangen. Was ich lernte waren Gewalt- und Suchtmittelexzesse. Ein krankes Leben unter Kranken. Was ich nicht lernte war mein Leben selbst zuführen.

Fremde Menschen in der Nachbarschaft gaben mir zu Essen, nur weil mein Vater wieder alles versoffen hatte und meine Mutter wie ein armseliger Haufen sich in "ihr Zimmer" verkroch. Oft wurde sie von ihm verprügelt. Hinterher lies sie ihre Hilflosigkeit an mir aus und verprügelte mich mit Besenstielen oder anderen Gegenständen. Die Farben auf meinem Rücken glichen dann einem Regenbogen, nur nicht so schön! Mit jedem Schlag lachte ich die Schmerzen weg und vergas schon bald wer mich schlug.

Mannheim - Anfang und Ende oder Ende und Anfang.

Meinen absoluten Tiefpunkt erlebte ich in meiner Geburtsstadt Mannheim. Zwischen 1986 und 1989 hatte ich zwei Wohnungsräumungen und am Ende ein Alptraum zwischen Suizidgedanken und Über-weiter-leben! Ich war bestimmt nicht unschuldig, aber wer ist das am Ende und im Elend schon?

Von Kleinauf lernte ich fast nur Nachbarn und Bekannte kennen die entweder Alkoholiker oder Junkies waren. Erzieher/-Innen und Nonnen in Kinder- und Jugendheimen die sich an uns Kindern vergriffen. Unzählige Formen der Gewalt und Unterdrückung. Vom Jugendamt beauftragte Sozialarbeiter/-Innen die in ihrer Besserwisserei an blinder Dummheit nicht mehr zu überbieten waren. Nonnen die Liebe predigten und mich und andere ohne Nahrung zu Bett schickten, oder die Verträglichkeit meiner Schmerzgrenze mit Hieben traktierten.

Die Orte meiner Heimaufenthalte waren in folgender Reihenfolge geordnet von eher guten Erfahrungen in grün bis eher schlechten Erfahrungen in braun:

Mannheim-Käfertal, Ladenburg, Waldürn im Odenwald, Stutensee bei Graben-Neudorf, Geldern bei Kleve.

Die Wahrheit ist wie ein Denkmal - vorbeigehen oder vorbeisehen ohne nachzudenken.

Warum auch anders? Plötzlich war ich nicht mehr allein!

Wer interessiert sich schon für die Wahrheit? Wen interessieren die Tränen kleiner Jungenjahre?

Die Wahrheiten lernte ich zu Schweigen. Anfänglich baute ich Schuldgefühle in mir auf und betrachtete mich über viele Jahre selbst als einen schlechten Menschen. Doch die Strasse lehrte mich eines besseren und zeigte mir das wahre Gesicht! Es war die Anfangszeit meiner Obdachlosigkeit die mich aus dem Trugschluß früher Kindertage befreite und mir die Augen öffneten. Plötzlich lernte ich Menschen mit ähnlichen Lebenserfahrungen kennen. Menschen die aus der Not eine Tugend machten.

Die Lüge des Lebens war die Wahrheit zu schweigen!

Die Wahrheit wollte niemand wissen, nur eine gutverpackte Lügengeschichte wurde abgenommen. Geboren war die Legendenbildung! Die Vermischung von der Wahrheit mit der Lüge. Ein Teil von hier und ein Teil von dort und fertig war die Legende - das Neue Leben.

Plötzlich wurde ich erhört und fand Menschen die mir Glauben schenkten. Menschen die wie ich, ein andersartiges Schicksal hinter sich hatten. Menschen denen die Wahrheit nie oder nur selten geglaubt wurden. Ich war nicht mehr allein, dachte ich.

Ich lernte von alten Berbern das Überleben. Lernte mit Legenden umzugehen. Schmale oder Sitzung zumachen. Ladenstich mit und ohne Bäckerbuch usw. Ich lernte das Überleben auf der Strasse.

Ich war am Leben - am Überleben!

Als ich mich vor ein Paar Jahren zu Gunsten meiner privaten Webseiten dann dazu entschloß Schrittweise die Legendenbildungen einzustellen. Stellte ich schnell fest, dass die Rückkehr zur Wahrheit ein hartes Stück Trockenbrot ist. Schliesslich gebe ich auf meinen Internetseiten auch Intimkennerwissen preis, was mir bis heute auch einige ernstzunehmende Feindschaften brachte. Trotzdem bleibe ich auf meinem Kurs "Wahrheit statt Lug und Trug!"    

Mein Einstieg in den Ausstieg.

1989 entschloß ich mich mit einer Plastiktüte von letzter Habe dem Albtraum Mannheim ein Ende zusetzen und kehrte ihr den Rücken. Unfähig mein Dasein alleine zuleben, lernte ich erst auf der Strasse mein Leben eigenständig zuführen. Diesen Entschluß hätte ich schon viel früher treffen sollen! Schnell wurde mir klar, dass nur in der Fremde ein Neuanfang möglich ist.

Dezember 1989 began so mein Leben auf der Strasse. Nie hatte ich je gedacht das ich dieses Leben bis heute durchhalten sollte. Die Hälfte meines Dasein. Aus der Not wurde eine Tugend. Ich lernte Land und Mensch kennen, die Gesetze nebenbei und eignete mir aus Fachbüchern Wissen zum Überdecken meiner Schwächen an. Ohne einen Schulabschluß, versteht sich von selbst, gibt es auch keine Berufsaubildung. Also lernte ich von anderen Jungs das Ein-mal-Eins des Überlebens und überdeckte nebenbei mit Bücherlesen meine sonstigen Defizite!

Die Strasse lehrte mich mein Leben zu meistern. Ich musste lernen, wenn ich nicht mit 30 die Löffel abgeben wollte! Die Kälte die mich Nachts in die Heizungskeller fremder Häuser trieb. Regen und Schnee die mich nass peitschten und mich in Telefonzellen übernachten liesen. Von Hunger- und Durstgefühle ganz zu schweigen! Nichts von diesen anfänglichen Strassenerfahrungen, war so entbehrend wie meine Kindheit oder Jugend. Kein Leid und Elend der Strasse schürte in mir je so das Feuer von Abkehr wie die Kinder- und Jugendtage. Die Strasse war für mich die Befreiung, dachte ich.

Ich wurde ein Durchreisender ohne festen Wohnsitz. Ein Einzelgänger. Ich bereue es bis heute nicht. Denn wer die Gossen meiner Kindheit und Jugend kennt, der vergißt das Nie. Hoch die Tassen - Bier und Wein das tägliche Brot und den Joint als Frühstück. Tag ein Tag aus der gleiche Dreck. Nüchtern reichten sie sich die Hände und betrunken gaben sie sich die Fäuste.

Ich will das Andersleben auf der Strasse nicht verschönen. Es ist nicht leicht und schwache Persönlichkeiten scheiden auch oft viel zu früh aus dem Leben. Doch ich möcht sie nicht mehr missen - die guten Zeiten und die schlechten Tage meiner Wanderzeit. Ich hab das Leben kennen- und leben gelernt! Deutschland in allen Richtungen durchquert. Die Tiefen gemeistert und die Höhen genossen.

Aus einem Knaben, einst schwach und dumm - wurde ein Wandersmann mit Ecken und Kanten. Früher blies ein laues Lüftchen schnell mich um und hinterlies entrissene Wurzeln. Heute lass ich den Sturm an mir vorbei fegen wie ein laues Lüftchen ohne Wurzeln.

Ein Paar Angaben zur Person.

Ich bin ledig - Kinderlos - Pazifist - Nichtraucher und Einzelgänger. Hobbys in der Kindheit und Jugendzeit waren in unregelmäßger Regelmäßigkeit: Badminton, Fußball, Karate, Tischtennis und CB-Funk. Gelegentlich geniesse ich ein kühles Blondes und ab und zu auch mal eine kühle Blondine, bleibt aber unter uns.

Mein Leben auf der Durchreise.

Zur Zeit befinde ich mich auf Durchreise von heute hier nach morgen dort. Meine Wege führen mich durch den Deutschsprachigen Raum. Vielleicht ein geregeltes Leben auf eine etwas andere Art? Mein Leben ist ein Lauf in Extremen, entweder sehr gut oder sehr schlecht. Freunde habe ich schon lange nicht mehr. Der letzte Rest von einst ist schon längst hinüber und wartet auf den Nachzügler. Doch der träumt noch vom Leben und hat keine Zeit für drüben.

So lebe ich heute umgeben von Lug und Trug im Schein des Sein. Gezeichnet von meiner Wirbelsäulenerkrankung und als Narr ausgegrenzt unter Narren. Für die Einen (die Meisten!) bin ich ein NICHTS ohne Recht auf Würde und Leben, und für die Anderen bin ich wenigstens noch ein Mensch der dritten Klasse. Was ich darüber denke, behalte ich besser für mich. Dankbar und glücklich bin ich nur für die Menschen die mir in meiner Not halfen zu überleben!

Das Berberleben oder das Andersleben.

Seit 1986 bin ich mit Unterbrechungen ohne festen Wohnsitz. Seit 10 Jahren bezeichne ich mich selbst als ein Berber. Berber sind Menschen die bewusst als Obdachlose ohne festen Wohnsitz "Andersleben" und von Ort zu Ort ziehen. Den Lebensunterhalt verdienen Berber mit Tagelöhner- und Gelegenheitsarbeiten, aber auch mit Betteln und kleinen Strolchereien. Tages- und Wochendsätze gibt es nicht überall, aber im Regelfall schon - wenn auch unter Teilweise argen Gängelungen der zuständigen Ämter und Behörden.

Die Übernachtungen finden entweder im Freien statt, auf der sogenannten Platte in der Penntüte, dem Schlafsack - oder in Kurzübernachtungen bzw. in Notunterkünften. Für etwas längere Aufenthalte gibt es Wohnheime oder Kolonien. Für die Aussteiger aus dem Ausstieg gibt es gezielte Angebote wie zum Bleistift Übergangswohnungen oder auch Einweisungen in Pensionen!

Das Duschen und Wäschewaschen findet meist in Anlaufstellen oder Übernachtungen statt. Gegessen wird entweder auf der Platte, den Tafeln, in Anlaufstellen, den Übernachtungen oder sonstigen Essenausgabestellen. Die Post geht im Regelfall an eine Anlaufstelle oder ganz verloren.

Gedanken und machmal sind sie noch frei...

Ich weiss, meine Art zu Leben ist für viele unverständlich. Ich habe diese Lebensform nicht freiwillig gewählt - sie wurde mir auferlegt. Ich weiss, diese Lebensform ist für viele anormal. Jede Lebensweise hat das Recht auf Leben, wie jeder Mensch eine unantastbare Würde hat, dachte ich.

Das Andersleben als Obdachloser ohne festen Wohnsitz ist nur ein Teil der Gesellschaft, in der viele Formen des Mit-einander-Leben existieren. Ich weiss, ich Lebe anders.

Als Kind sagten Therapeuten, Lehrer und Erzieher ich wäre schwer erziehbar. Sie versuchten mich in Heimen und Anstalten auf den rechten Weg zu bringen. Doch wer Hass saet erntet keinen Frieden. Früh erkannte ich, wer selbst durch und durch nicht besser ist, kann einem schwer erziehbaren Knaben auch nichts Gutes vorleben.

Aus meinen Kindertagen und Jugendjahren kam mir eine bis heute noch gültige Weisheit:

Dort wo ein schlechter Geist innewohnt halt Dich Fern!

Ein schlechter Geist zeigt sich bei schlechten Menschen besonders gern! Schlechte Menschen denken schlecht, reden schlecht, handeln schlecht. Schlechte Menschen sind im Geiste Fern von gesunden Gedanken. Würden diese nur einmal in den Spiegel ihres Tuns sehen, würde der Spiegel mit ihnen zerbrechen. Trotzdem haben auch schlechte Menschen mit ihren teilweise kaputten Genen das Recht auf Würde und Leben.

Von Irgendwo im Nirgendwo nach unten - Unter Null.

Nun geht das Leben weiter. Die alten Reiseführer gehen und die neuen Wandersmänner kommen. Die Frischlinge! Sie sind willkommen. Willkommen an den Orten, wo täglich die Sehnsucht die Einsamkeit trifft und die Hoffnung als Letzte die Tür von Außen schliesst. Orte an denen zu jeder Zeit das eigene Leben am dünnen seidenen Faden hängt. Drinnen ist wer Draussen alles verloren hat und Aussen nichts mehr zu suchen hat. Was bleibt ist die Erinnerung, die Leere, das Nichts - Allein unter Massen. Kein Ort zum Leben! Nur ein Platz zum Überleben.

Willkommen im Club...

An dieser Stelle möchte ich an die vielen Obdachlosen erinnern, die viel zu früh von uns gingen. Ob freiwillig oder unfreiwillig! Euch allen hier ein öffentlicher Platz der Erinnerung, ein Platz nur für Dich. Ein Gedanke - Ein Paar Zeilen und Vergessen bist Du nicht...

 

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